Medizinischer Dienst der Krankenkassen, auch nach dem Reformgesetz ein Alptraum.

Es ist ruhig hier im Blog geworden. Mein letzter Beitrag ist schon länger her und irgendwie habe ich an vielen Dingen irgendwie den Spaß verloren.

Mein Vater

Im letzten Jahr ist mein Vater an einer Lungenentzündung im Krankenhaus gestorben. Daran war nicht das Virus schuld, aber die Pandemie hat dazu geführt das er allein gestorben ist. Durch Aspiration entwickelte er eine Lungenentzündung. Am Tag der Diagnose durfte ich ihn nicht besuchen, da man ihn zur Sicherheit auf der Krankenstation isolierte und nochmal einen PCR-Test durchführte. An dem Tag ist er leider gestorben. Und liebe Verschwörungsgläubige, ich kann euch versichern das der Test nicht Schuld an seinem Ableben war.

Vor seinem Krankenhausaufenthalt wurde er von meiner Mutter und einem Pflegedienst im Haus betreut. Er konnte nicht mehr selbständig gehen, aber mit dem Rollstuhl war er noch ganz gut unterwegs. Bei der Körperpflege musste man ihm helfen, genauso wie bei den WC-Gängen und dem Ankleiden und zu Bett bringen. Pflegestufe 2 war da am Anfang angemessen.

Monate vor seinem letzten Krankenhausaufenthalt verschlechterte sich sein Zustand zunehmend. Die Haut von beiden Beinen am Unterschenkel löste sich. Es war wirklich das blanke Fleisch zu sehen. Teilweise fingen die Beine an schlagartig stark zu bluten, da Venen aufrissen. Immer wieder wurde er in die Notambulanz gefahren um den Schaden zu beheben. Die medizinische Versorgung und Pflege fand aber zuhause statt. Von daher beantragten meine Mutter und ich die Pflegestufe 3, da er mittlerweile nicht mehr mobil mit dem Rollstuhle unterwegs sein konnte. Waschen ging nur noch im Bett, Duschen war gar nicht mehr möglich. Zudem baute er körperlich und geistig immer mehr ab. Manchmal verwechselte er Traum und Wirklichkeit. Seine Nierenwerte waren sehr schlecht und letztendlich wusste keiner was er wirklich hat. Er war zum Schluss so schwach, dass gar nichts mehr ging.

Vorbei kam der medizinische Dienst nicht um sich den Patienten vor Ort anzuschauen. Es wurde nach Aktenlage und telefonischer Befragung des Patienten entschieden. Die Pflegestufe 3 wurde nicht bewilligt. Das ist übrigens bei meiner Mutter, dazu komme ich noch, genauso gelaufen.

Aber hey, wenn man in der Lage ist nach einem Waschlappen zu greifen reicht die Pflegestufe 2 doch aus.

Stellt euch vor, euer Hausarzt empfängt euch nicht in seiner Praxis sondern fordert euch auf ihm eure Beschwerden per Mail zu schildern. Danach trifft er seine Diagnose und verschreibt Medikamente. Würdet ihr die mit ruhigem Gewissen einnehmen?

Natürlich haben ich und meine Mutter Widerspruch eingelegt, nur während des Vorgangs ist mein Stiefvater dann im Krankenhaus verstorben. Zwei Wochen nach seinem Tod rief die Krankenkasse meine Mutter an, ob sie den Widerspruch noch aufrecht erhalten will. Sie verneinte, da sie sich ja nicht bereichern möchte. Ich hingegen werde das im Fall meiner Mutter bis zum Schluss durchfechten, auch nach dem Ableben. Sollte ich gewinnen, spende ich die Kohle dem DRK.

Meine Mutter

Nur wenige Monate nach dem Ableben meines Vaters entdeckte man bei meiner Mutter Darmkrebs. Der hat sich nie bemerkbar gemacht, da er nicht im Darm sondern drumherum gewachsen ist. Eigentlich ist sie aufgrund erhöhter Entzündungswerte, die man ambulant nicht in den Griff bekam, ins Krankenhaus eingewiesen worden.

Dort stellte man auch fest, das ihr Herzschlag viel zu niedrig war.

Verantwortlich für die erhöhten Blutentzündungswerte war laut Ärzte ein Krankenhauskeim. Merkwürdig, da sie das letzte mal vor 40 Jahren als Patientin im Krankenhaus war. Das hat man aber in den Griff bekommen und bezogen auf den niedrigen Herzschlag war ein Herzschrittmacher notwendig. Hier könnte die Geschichte eigentlich gut enden, nur bei einer Magen-Darmspiegelung entdeckte man eine leichte Verdickung. Darauf folgte eine CT und die brachte einen faustdicken Tumor am Transversum (Darmabschnitt) zu Tage. Man hat versucht zu operieren, aber der Tumor konnte nicht entfernt werden. Er ist in viele Blutgefäße eingewachsen, hat aber nicht gestreut. Sie bekam einen künstlichen Darmausgang. Der liegt so ungünstig in einer Bauchfalte, dass die Stomaversorung ein großes Problem darstellt. Selber kann sie die nicht durchführen, da sie den Ausgang gar nicht sehen kann. Sie ist zu schwach um sich z.B. vor einen Spiegel zu stellen und vorbeugen im Liegen geht auch nicht. Das war schon im Krankenhaus so, nur hat das keinen wirklich interessiert. Normalerweise kümmern sich am Anfang Stomafachleute darum das richtige Material zu finden usw. Die kommen ins Krankenhaus und betreuen die Stomaträger auch nach dem Krankenhausaufenthalt weiter. Wenn das Krankenhauspersonal aber keine Rückmeldung gibt, dass sie das ganze Konstrukt mehrfach am Tag wechseln müssen, da es nicht hält, ist das für Patienten sehr ungünstig – besonders wenn sie wieder zuhause sind.

Der MDK – ich beurteile aus der Ferne

Ich habe meine Mutter so oft in ihrer eigenen Darmbrühe liegen sehen, fürchterlich. In den ersten Wochen musste der Pflegedienst sehr oft kommen, aufgrund der Stomaversorgung. Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus bekam meine Mutter vorläufig die Pflegestufe 2. Eine Patientin, mit einem faustgroßen Tumor und einem künstlichen Darmausgang, den sie selber nicht versorgen kann, nicht mehr essen und nur noch Flüssignahrung zu sich nehmen kann, die bekommt Pflegestufe 2. Sie ist innerhalb kurzer Zeit bettlägerig geworden, kann sich im Bett nicht mal aufrichten.

Eine Tumorerkrankung kann man nicht ähnlich sehen wie ein natürliches Altern. Der körperliche Abbau ist nicht in Lebensjahren berechenbar, denn bei einer Tumorerkrankung ist kein Tag wie der vorherige. Heute kann man sich mit einem Waschlappen noch das Gesicht waschen, morgen vielleicht nicht mehr. Übermorgen könnte das vielleicht wieder kurz gehen, danach aber nie wieder. Bei Krebserkrankungen müsste man grundsätzlich die Pflegestufe 3 oder 4 ansetzen. Bei Menschen, die palliativ versorgt werden sowieso.

Aber nein, Pflegestufe 3 hat man bei meiner Mutter abgelehnt. Natürlich habe ich mal wieder, wie schon bei meinem Vater, Widerspruch eingereicht. Mittlerweile kommt auch ein Palliativ-Team zu meiner Mutter, was eine sehr große Hilfe ist. Allein die Einschätzung durch den Fragebogen ist ein großer Witz – nicht gemacht für Menschen, deren gesundheitlicher Zustand sich innerhalb von Stunden ändern kann. Da hilft das Reformgesetz auch nicht viel weiter.

Eine Krebserkrankung betrifft nicht nur den erkrankten Menschen. Menschen, die sich um ihn kümmern, sind auch extrem belastet. Es ist nicht nur schlimm zu sehen wie ein geliebter Mensch immer weniger wird, man Aufgaben übernimmt, die einem vorher fremd waren. Allein das ganze organisatorische drumherum ist schon eine Hausnummer. Da kann man zusätzliche Belastungen überhaupt nicht gebrauchen, wie z. B. Widersprüche an Krankenkassen zu schreiben.

Das könnte Politik ändern, aber ich glaube nicht an Wunder. Das Reformgesetz ist schon der richtige Weg, nur wenn die Einstufungskriterien die gleichen bleiben keine wirklich gute Lösung für wirklich schwer kranke Menschen und ihre Angehörigen.

Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, dass Krankenkassen auf Zeit spielen.

Ich frage mich wirklich, wie man sich morgens noch im Spiegel anschauen kann, wenn man gestern noch über Akternnummer 234 entschieden hat – wohl wissend , dass dieses System viel Leid verursacht. Als lupenreiner Bürokrat sieht man natürlich nicht den Menschen hinter einer Aktennummer, aber man macht sich mitschuldig am System. Entschuldigung für den letzen Satz, aber ich bin total erschöpft und sauer.

Nicht mehr so ganz knackig, macht was mit Audio, ist Gamer und mag Gadgets.

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